Mythos Tibet

Dezember 15, 2010 von reportagereisen


Tibet erwartete uns sauerstoffarm und sonnendurchflutet. Am Flughafen von Lhasa wurden wir von unserem jungen tibetischen Reiseleiter traditionell mit Katas, den typischen weißen Seidenschals, begrüßt. In den ersten Tagen gewöhnten wir uns in der Hauptstadt an die dünne Luft und erkundeten die Stadt. Neben dem mächtigen Potala-Palast, dem Jokhang-Tempel, religiöses Zentrum des tibetischen Buddhismus und dem alten Marktplatz, waren es besonders die engen Gassen, das Treiben zwischen den zahlreichen Verkaufsständen und die unzähligen Pilger die neben der allgegenwärtigen chinesischen Militärpräsenz das Bild der ehemals verbotenen Stadt prägen. Das Geräusch sich drehender Gebetsmühlen, das sich in den Himmel bahnende om mani peme hung und der durchdringende Geruch flackender Butterkerzen sind ständige Begleiter. Besonders reges Treiben herrschte um Potala und Jokhang in den frühen Morgenstunden, wenn Topa – Pilger aus dem westlichen Hochland, Tsangpa und Upa aus Zentraltibet neben Khampa mit ihren markanten roten Haarbändern die  Kora, die Umrundung der heiligen Stätten, ablegen.

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Der Mythos Tibet lebt. Es gibt nur wenige Länder und Regionen, von denen eine solch langanhaltende Faszination ausgeht. Es mag an der langen Isolation des Landes liegen, seiner exponierten Lage und den ewigen Zwist, welche die Neugier wach halten. Doch seit dem Einmarsch Chinas 1950 haben sich Mythos, Menschen und das Land geändert. Heute polarisiert der Name Tibet.

Der kulturelle Genozid der Tibeter und der systematisch wachsende Einfluss der Chinesen führen seit Jahrzehnten zu ständigen Kontroversen. Die Aktionen geflüchteter Exiltibeter und westlicher Aktivisten waren in den letzten Jahren nur Fußnoten. Erst seit den heftigen Unruhen in Lhasa 2008 und dem brutalen Einschreiten der chinesischen Armee rückte das Land wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Erinnerungen an die Aufstände auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989 wurden wieder wach.

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Von den 6.000 tibetischen Klöstern überstanden nur 13 die Kulturrevolution ohne Zerstörung. Einige der zerstörten Anlagen werden seit den 1980er Jahren wieder mühsam restauriert, Mönche und Nonnen sind in die etwa 250 Klöster wieder zurückgekehrt. Religionsfreiheit mit Auflagen. Der Aufbau der Abteien erfolgt mühsam, ehrenamtlich und mit spärlichen Mitteln. Es gibt wenige Ausnahmen bei denen für die Instandsetzung religiöser Gebäude öffentliche Mittel zur Verfügung gestellt werden.

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Das Reisen auf dem Dach der Welt ist schwierig, teilweise nur mit einheimischer Begleitung möglich und trotz der politischen Widrigkeiten alle Anstrengungen wert. Immer wieder werden ausländische Journalisten des Landes verwiesen oder die Region gänzlich dicht gemacht. Chinesisches Militär ist überall präsent. Unter besonderer Beobachtung steht der Unruheherd Lhasa. Kleine Militäreinheiten patrouillieren durch die Straßen, bewachen neuralgische Punkte und behalten von Dächern aus den Überblick. Chinas Präsenz ist die einer Besatzungsmacht.

Unsere Reise führte uns von Lhasa über Shigatse zum Lablunga Pass. Vorbei an den bekanntesten Klöstern des Landes und durch einzigartige Hochgebirgsgegenden. Wir machten unsere Kora um Tashilumpo, den Sitz des Panchen Lama in Shigatse und sprachen mit Mönchen im arg heruntergekommenen Kloster Reting. Reting liegt mit seinen versteckten Einsiedeleien am Fuße eines uralten und wunderschönen Wacholderwaldes. Verstreut und eng an den Felsen schmiegen sich die Mönchsklausen von Yerpa in etwa 4.200 Meter Höhe. In der dünnen Luft wird es zur Herausforderung, von Klause zu Klause zu ziehen. Die wenigen Meter hinauf zu den Höhlen verursachen immer wieder leichte Atemnot und nehmen die volle Aufmerksamkeit in Anspruch.

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Wir, das war eine kleine Reisegruppe aus Deutschland,  hatten uns an den ranzigen Geruch brennender Butterkerzen gewöhnt, selbst Gebetsfahnen auf Pässen aufgehangen und eifrig Gebetsmühlen gedreht. Wir tranken Buttertee mit unseren tibetischen Begleitern, ließen die deutsch-tibetische Verbundenheit 4.300 Meter hoch leben und opferten für ein Campfeuer etliche getrocknete Yakfladen. Unsere Zelte standen meistens in der Nähe kleiner Dörfer, bewacht von struppigen Hunden, die sich ständig balgten, die ganze Nacht um unsere Zelte strichen und mit ihrem wütenden Bellen die frei umherlaufenden Yaks fernhielten.

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Wir fuhren mit den Jeeps abseits der touristischen Hauptstraßen. Doch was sind schon Straßen in Tibet? Staubige Pisten, Schotterwege, selbst der von Kathmandu nach Lhasa führende Friendship-Highway wurde erst kurz vor den Olympischen Spielen 2008 fertiggestellt, einige Abschnitte sind immer noch im Bau. Auf dem Weg zum Nam Co (See), dem größten See Tibets, rauschten wir an kleinen Siedlungen vorbei, hüllten Motorradfahrer und Pilger in unsere Staubwolken ein und überquerten den Nyenchen-Tanglha-Gebirgszug, dessen höchster Gipfel bis auf 7.127 Meter emporragt.

Den modernen Einflüssen zum Trotz versuchen die Tibeter an ihren Traditionen festzuhalten. Handys und Motorräder stehen im Wettstreit mit Buttertee und Yaks und ergänzen sich gleichzeitig. Es war eine ungewöhnliche Erfahrung. Ständig standen wir kritisch unserer Reiseroute gegenüber. Wir vermuteten hinter allen Erklärungen chinesische Einflussnahme und waren immer wieder besorgt, ob wir nicht zu kritisch fragen würden, gefährdeten wir doch so unseren jungen tibetischen Reiseleiter eher als es unser Interesse befriedigt hätte.

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Der Friendship Highway, Verbindungsstraße zwischen dem nepalesischen Kathmandu und Lhasa, lag bei Shelkar breit und frisch asphaltiert vor uns. Wir fuhren an kleinen Siedlungen vorbei, zerstörten Klöstern und Ruinen vergangener Schlachten. Am Wegesrand, immer nur eine Haaresbreite von den vorbeirasenden Fahrzeugen entfernt, waren Frauen mit Ausbesserungsarbeiten tätig und boten Bauern ihre Waren feil. Die Feldarbeiten waren in vollem Gange. Yaks zogen Holzpflüge durch den braunen Boden, Getreide wurde gedroschen und Stroh gebündelt. Motorpflüge frischten immer wieder das mittelalterliche anmutende Bild auf. Im Süden leuchteten uns die schneebedeckten Gipfel des Transhimalaya entgegen. Vom Everest Hotel in Shelkar brachen wir vor dem Morgengrauen zum Chomolungma auf. Wir passierten mehrere Kontrollstationen, bevor wir die staubige Schotterpiste zum Pang La hochfuhren. Am 5.150 Meter hoch gelegenen Pass lag die spektakuläre Himalayakettein den ersten Sonnenstrahlen direkt vor uns. Bis zum Basecamp lagen noch einige Stunden harter Fahrt vor uns. Die Zelte des Mt.Everest Basecamp wurden zwei Tage vor unserer Ankunft abgebrochen, die Saison war vorbei. Ein kalter, stetiger Wind wehte uns auf 5.200 Metern vom Berg entgegen; ehrfurchtgebietend lag der höchste Berg der Welt vor uns. Klar zeichnete sich der Gebirgssattel mit den „three pinnacles“ in den sauerstoffarmen Himmel. Dort oben lag die Todeszone des Everest. Seit den Tagen des George Mallory und Edmund Hillary hat sich viel geändert. Der Berg wurde zum Synonym überzogener Ansprüche, die Verheißung für Abenteurer und Wagemutige, Amateure und suizidgefährdete Touristen. Vom 5.030 Meter hohen Lalung La Pass wehten die letzten Gebetsfahnen vor der nepalesischen Grenze. Danach ging es nur noch bergab.

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