Suid-Afrika: Gruwelike Gemeenskap

Mai 8, 2017 von reportagereisen


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Ich wusste nicht viel über das Land am Kap, über das Leben und seine Menschen. Selbstverständlich wusste ich von den Big Five, den unendlichen Weiten und grandiosen Landschaften. Aber sonst kannte ich nur die üblichen Schlagworte von Kriminalität und Apartheid. Mir waren einige Ereignisse der Buren, Engländer und Zulus bekannt, die sich mehr oder weniger aus Romanen und Filmen speisten. Mit meiner Reise trat ich indessen mitten ins Leben am südlichen Ende des schwarzen Kontinents.

Die meisten Berichte über Südafrika fangen mit Kapstadt an, drehen sich um die Kap- und Weinregion und ziehen schnell hoch zu Safaris im Krüger Nationalpark. Doch die meisten Interkontinentalflieger landen zuerst in Johannesburg, genauer in Kempton Park, Gauteng. OR Tambo International Airport, der verkehrsreichste Flughafen Afrikas, wurde 1952 als  Jan-Smuts-Flughafen eröffnet, diente in den 1970er Jahren als Testflughafen für die Concorde und im Oktober 2006 nach einem der früheren Vorsitzenden des ANC, Oliver Reginald Tambo, umbenannt.

Wir blieben die ersten Tage im Gauteng.  R war hier in den 1980er Jahren aufgewachsen und wollte mir ihre Wurzeln und Wege zeigen. Der Höhenzug des Witwatersrand der fast eintausenachthundert Meter über dem Meeresspiegel aufragt, ist Teil der kontinentalen Wasserscheide zwischen Atlantik und Indischem Ozean. Die Geschichte vom Rand, der der Währung Südafrikas seinen Namen gab und in der die Provinz Gauteng liegt, ist eng mit dem Goldrausch verbunden. Seit der Entdeckung des gelben Metalls im Februar 1886 schossen die Besiedlungen, Fördertürme und Abraumhalden entlang des Witwatersrand in die Höhe, streckten sich Schornsteine, Telegrafenmasten und Hausgiebel dicht an dicht in den Himmel. R’s Familie holte uns vom Flughafen ab. Meinem etwas holprigen „aangename kennis“ klang ein herzliches „Guten Abend, herzlich willkommen in Südafrika“ entgegen. Wir benötigten eine knappe Stunde bis nach Hause. Auf dem Weg durch die Nacht passierten wir Industriestädte, die sich eng aneinanderreihten und unterbrochen wurden von Townships und Squatter Camps, die in den letzten Jahren von Südafrikanern und Immigranten aus Simbabwe, Sambia oder Malawi errichtet wurden. In den nächsten Tagen lernte ich die gesamte Familie kennen, wurde mit Herzlichkeit aufgenommen und vollumfänglich in die südafrikanische Küche eingeführt. R’s Vater war ein wahrer Meister im Braai, dem südafrikanischem Grillen. Braai ist das gesellschaftliche, nahezu täglich gepflegte Event schlechthin und ich sah mich vor, nicht zu oft am Stolz der Draußenküche zu rühren und von Grillen oder noch schlimmer Barbecue zu sprechen. Ein paar Steine als Unterbau, ein Grillrost, altes Holz vom Kameldornbaum und sehr viel Zeit waren die rustikalen Grundlagen. Das Resultat waren köstlich schmeckende Boerewors und Koteletts, entspannte Gespräche über Gott und die deutsch-südafrikanische Freundschaft, die in den folgenden Wochen immer enger und herzlicher wurde. Ich mochte die südafrikanische Direktheit, stand dem Land am Kap und den Menschen mit ihrer Historie offen gegenüber und so ging uns der Gesprächsstoff selten aus.

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Die südafrikanische Gastfreundschaft und Freundlichkeit sind sprichwörtlich. Aufgrund seiner historischen Entwicklung und der ethnischen Vielfalt hält das Land am Kap keine einheitliche Kultur zusammen. Sitten und Gebräuche sind je nach Region und Bevölkerungsstruktur sehr unterschiedlich. Südafrika, die Welt in einem Land, das Land der Kontraste, Regenbogenland. Die Geschichte des Landes erzählt vom Mit- und Nebeneinander, von Zäunen und Abgrenzungen; die der Rassen ist jedoch mehr als nur schwarz und weiß. Alles ist von Farben geprägt. Flora und Fauna, Geschichte und Politik. Selten sind woanders solche zahlreichen Kontraste wie in der Regenbogennation zu finden und auch politische Gespräche sind meist unausweichlich.

Fremde Länder, wilde Tiere. Die Tierwelt am Kap ist vielfältig, neugierig und immer wieder für Überraschungen gut. Es war mein erster Besuch auf dem afrikanischen Kontinent überhaupt und ich war neugierig auf die „Big Five“. R und ich waren uns einig, dass wir den Krüger Nationalpark für später aufsparen wollten und entschlossen uns mit der Familie für eines der zahlreichen kleineren Wildschutzgebiete. Das Dinokeng Game Reserve war das erste Schutzgebiet im Gauteng mit den großen Fünf, lag nördlich von Pretoria am südlichen Rand des Bosveld und somit direkt vor unserer Nase. Das über 18.500 Hektar große Gelände, ungefähr so groß wie die norddeutsche Insel Fehmarn, war mit einem doppelten Starkstromzaun umgeben. Im Wildpark selber lagen einzelne Lodges und Bungalows verstreut umher und mit einem einfachen Elektrozaun weitläufig eingefasst. Der äußere, meterhohe Zaun sollte Elefanten, Löwen und Co. drinnen halten und schützen, wohingegen die kleineren Elektrozäune die Wildtiere draußen halten sollten. Was an und für sich auch meistens gelang. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel.

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Die Folge unserer Ausnahme war, dass unsere Lodge im ersten Moment nicht bezugsfertig war. Könnte man so sagen. Zwei übermütige Elefantenbullen hatten sich in der Nacht zuvor einen Kampf geliefert, unbeeindruckt vom Strom den Elektrozaun niedergewalzt und das Lodgegelände verwüstet. Überall lagen heruntergerissene Äste umher, mannstarke Bäume waren umgeknickt oder mit ihren Wurzeln herausgerissen und der Swimmingpool war auch nicht mehr nutzbar. „Welcome in Dinokeng, guys“, grinste uns Derrick entgegen. Der Lodgebetreiber hatte mit seinen Leuten alle Hände voll zu tun um den Zaun bis zum Abend zu reparieren. Er setzte uns über die nächtlichen Ereignisse kurz ins Bild bevor sein Telefon klingelte. Während des kurzen Gesprächs nickte er mehrfach heftig, verdrehte die Augen und war schon fast aus der Tür, bevor er wieder auflegte. „Wenn ihr wollt, dann kommt schnell mit. Die Elefanten sind vor der Nachbarlodge gesichtet worden.“ Wir folgten im Jeep und kamen gerade rechtzeitig, um zu erleben, wie sich zwei junge Elefanten ganz ungeniert dem Elektrozaun näherten, der zwischen uns und den etwa 50 Meter entfernten Riesen leise vor sich hin summte. „Go ahead! Go ahead! Get out from here!“ Doch Derricks verbale Anweisung prallte an den Dickhäutern ab. Erst das Pfefferspraygewehr überzeugte, als das Geschoß auf dem Rüssel des vorderen Elefantenbullen explodierte. Beiden Elefanten war die Neugier vergangen und sie zogen sich langsam in die Büsche zurück. Wir fühlten uns ein bisschen wie im „Jurassic Park“. Erst langsam legte sich die Aufregung – auch bei den Afrikanern, die ebenso selten so nah an einen der Big Five herankommen. Den verbliebenen Nachmittag verbrachten wir im Busch, fuhren dank eines Self-Driving-Permits die engen Pfade ab und genossen die grasenden Impalas, Giraffen und Zebras bevor uns ein feuerroter Sonnenuntergang an die Rückkehr erinnerte. Später werden wir weniges von mehr afrikanischer Wehmut durchzogen finden als die Poesie über den kleinen Dornenbusch, den „Doringboompie“, des Afrikaners Totius.

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Die Wintermonate in Südafrika sind kühl und es wird zeitig dunkel. Sobald die Sonne hinter dem Horizont, meist glutrot und atemberaubend, verschwunden ist, gehen die Temperaturen schnell in den Keller. Bodenfrost ist dann keine Seltenheit. R’s Vater war für das wärmende Feuer und den Braai verantwortlich. Wir suchten mit Taschenlampen die Bäume über unserem Boma nach Schlangen ab, schnippelten reichlich Obstsalat und unterbrachen unsere Gespräche nur kurz für anständige Boerewors und Koteletts. Zur besseren Verdauung und Untermauerung der deutsch-südafrikanischen Freundschaft feierte ein 56prozentiger ostfriesischer Moorgeist gerade seine Premiere als lautes Ästeknacken uns aufschrecken ließ. Die Elefanten waren wieder zurück! Glücklicherweise war der Zaun wieder repariert und wir sicher dahinter. Oder sollten die Wildtiere vor uns geschützt werden? Wir versuchten mit unseren Taschenlampen das Dunkel des Bosveld zu erhellen, doch waren die Umrisse der Dickhäuter nur schwer auszumachen. Das Prasseln und Knacken in den Büschen hielt dafür noch eine Weile an und wurde erst später vom Geheul der umherstreifenden Schakale abgelöst.

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Am nächsten Morgen kreuzten wir unsere Finger, wünschten uns gegenseitig Glück und fuhren auf Safari. Wir hatten eine Tour mit einem der Ranger gebucht und erhofften uns spektakuläre Begegnungen und tiefgreifende Erkenntnisse. Unsere erste Erkenntnis war, dass der frühe Vogel in Afrika noch früher aufsteht. Es war dunkel und frostig und wir waren für die Decken und Wärmflaschen im offenen Jeep dankbar. Unser junger Rancher lenkte uns in kurzen Hosen langsam durch den Busch und folgte den Hinweisen seines Fährtenlesers, der sich im Ausguck oberhalb der Motorhaube eingerichtet hatte. Nebelschwaden lagen über den Wasserlöchern und verbargen schemenhaft Büsche und Bäume. Einzelne Wasservögel unterbrachen die morgendliche Stille mit lautem Kreischen, einige Löwenspuren wiesen uns die Richtung und die Umrisse weniger Impalas verschwommen entfernt mit dem Unterholz. Aber das Fingerkreuzen schien sich nicht gelohnt zu haben.

Die Fakten über Südafrikas Tierwelt sind spannend genug. Mehr als 300 Säugetier- und 500 Vogelarten, über 100 Reptilienarten sowie zahlreiche Insektenspezies sind an der Südspitze des Kontinents zu Hause. Viele Großtierarten, wie die unter Großwildjägern gefürchteten „Big Five“ – Löwe, Leopard, Büffel, Elefant und Nashorn – sind hier anzutreffen. Zahlreiche Antilopenarten wie Impalas, Kudus, Kuhantilopen oder Streifengnus besiedeln den Norden; Steppenzebras, Giraffen und Hyänen, Warzenschweine und Geparden streifen durch die Savanne, Flusspferde leben an den Gewässern. In der südlichen Karoo kommen Weißschwanzgnus, Blessböcke und Bergzebras hinzu. Der zahlreich vertretene Springbock ist Wappentier der Regenbogennation. Strauße, Flamingos und diverse Greifvögel wie der Schreiseeadler sind charakteristisch. An den Küsten stehen einige zehntausend Brillenpinguine, die einzigen heute noch in freier Wildbahn lebenden Pinguine Afrikas, unter strengem Artenschutz. Von den stark gefährdeten Renosters (Afrikaans für Nashorn) sind Breitmaulnashorn und Spitzmaulnashorn vertreten. An den Nashörnern reiben sich die Geister. Der unersättliche Hunger und die überholten chinesischen Traditionen treiben die Urviecher in den Tod. Die Gier nach den verbotenen Hörnern und die Aussicht auf viel und schnelles Geld lässt selbst Tierärzte und Ranger zu Wilddieben werden.

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Doch wir sollten Glück haben und uns nicht umsonst die Ohren abfrieren. Als wir um eine enge Kurve bogen, bremste unser abgehärteter Ranger und brachte den Jeep zum Stehen. Ein schwarzer massiger Körper verharrte einen Meter neben dem Pfad, drehte seinen Kopf bedächtig in unsere Richtung und stellte sich als Kaffernbüffel heraus. Mein erster „Big Five“ graste genüsslich neben mir und war nur etwas mehr als eine Armlänge entfernt. Syncerus caffer – der Schwarzbüffel, Afrikanische Büffel oder Steppenbüffel wurde 1779 erstmals vom schwedischen Botaniker Anders Sparrman beschrieben. Etwas mürrisch schnaubte der alte Bulle, drehte sich wieder um und verschwand langsam zwischen den dichten Büschen. „Streicheln und Füttern verboten“ schien auf seiner mächtigen Schädelplatte zu leuchten. Die bis zu 900 Kilogramm schweren Büffel sind nicht zu unterschätzen und besonders Einzelgänger können aggressiv und lebensgefährlich werden. Unser Glück machte für die nächste Stunde eine Pause; danach wir. Wir wärmten uns mit heißem Kaffee auf, gönnten uns etwas Beskuit und wetteiferten im Bokdrolletjie-Weitspucken. Inzwischen stand die Sonne über den Baumwipfeln und mit ihr kamen auch die Warzenschweine, Blauwildebiester, Tarentale und Elenantilopen hervor.

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Afrika wie es lebt und leibt. Wir nutzten den Rest des Tages, um einen Großteil des Dinokeng Wildschutzgebietes auf eigene Faust zu erkunden. Einige Löwen kreuzten unmittelbar unseren Weg. Augenscheinlich auf dem Weg zum Frühstück, nahm niemand von den Raubkatzen von uns Notiz. Immer wieder hielten wir für Zebras und Giraffen an, die sich nicht von uns stören ließen und von der nahenden Gefahr nichts zu ahnen schienen. Auch die scheuen Impalas fühlten sich wie die Kuhantilopen selten bedrängt und dösten im Schatten der im südlichen Afrika heimischen Mopanebäumen. Das früher in Südafrika weit verbreitete Quagga, eine Unterart des Steppenzebras, war bereits im frühen 19.Jahrhundert ausgerottet worden und nicht mehr zu sehen. Eine Warzenschweinfamilie wühlte die Erde um, beobachtete uns argwöhnisch, richtete den Schwanz wie auf Kommando senkrecht in die Höhe und verschwand im Unterholz. Einige Sträuße lieferten sich mit den Autos ein Wettrennen bis eine Herde Gnus die Straße überquerte und die Autos zum Halten zwang. Etliche Nashornvögel überprüften uns skeptisch und vertrieben mit ihrem Gekreisch die herumtollenden Affen. Warum die kleinen grauen Primaten grüne Meerkatzen genannt werden, fragen wir uns noch heute. Etwas später zählten wird den südafrikanischen Sternenhimmel, suchten das Kreuz des Südens und während wir uns am Lagerfeuer abenteuerliche Geschichten erzählten, stieß ich mit meiner jugendlichen Begeisterung für Karl May auf staunende Gesichter.

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